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ÜBER REIZFELD.net (Michael Mastrototaro)

René Descartes (1596 – 1650) gilt heute allgemein als Vater der modernen Philosophie und als philosophischer Begründer des modernen naturwissenschaftlichen Denkens.
Eine seiner wichtigsten Anschauungen besagt, dass in der geschaffenen Welt grundsätzlich zu unterscheiden sei zwischen den erkennenden Subjekten und den
räumlich ausgedehnten Objekten. Die Subjekte sind somit grundsätzlich gedacht als für sich bestehende Wesenheiten ohne notwendigen Bezug zur Objektwelt, und
ebenso existieren gemäss dieser Ansicht die Objekte unabhängig und ausserhalb vom menschlichen Erkennen.

Auf der Grundlage dieser Betrachtungsweise kommt der Wahrnehmung durch die Sinne die Funktion zu, dem wahrnehmenden Subjekt Kunde
zu geben von der objektiv gegebenen Beschaffenheit der dinglichen Welt. Daraus ergibt sich eine aus heutiger Sicht zu wenig differenzierte Wahrnehmungstheorie,
die den wahrnehmenden Menschen mehr oder weniger als bei der Geburt grundsätzlich leeres Gefäss annimmt, das im Verlaufe des Lebens durch immer neue
Wahrnehmungsakte allmählich angefüllt werden kann.


Aus der ganzheitlichen Betrachtungsweise der Gestaltpsychologie folgt als Konsequenz die Erkenntnis, dass wir in der Wahrnehmung nicht beziehungslose Reize als
Elemente erfassen und sie nachträglich assoziativ zu sinnvollen Ganzheiten verbinden, sondern dass Wahrnehmen an sich schon die Erfassung von Ganzheiten im Reizfeld
bedeutet, dass wir also immer Gestalten als Einheiten wahrnehmen.


Ferner unterliegt unsere Wahrnehmung insgesamt der allgemeinen Tendenz, überall möglichst gute Gestalten zu erfassen. Merkmale
einer guten Gestalt sind: Gesetzmässigkeit, Einfachheit, Stabilität, Symmetrie, Geschlossenheit, Einheitlichkeit, Ausgeglichenheit, Knappheit
und – im visuellen Bereich – Orientierung nach Senkrecht-Waagrecht. Dabei müssen selbstverständlich im Einzelfall nicht alle diese Merkmale zutreffen. Der wahrnehmende
menschliche Geist ist jedoch so geschaffen, dass er ein Reizfeld gewissermassen idealisiert, indem er es möglichst vielen dieser Merkmale angleicht.


So zeigt sich z.B. die Tendenz zur Gesetzmässigkeit, Symmetrie, Geschlossenheit und Knappheit darin, dass wir Objekte als
'rund', 'rechteckig', 'elliptisch' usf. ansprechen, auch wenn sie diesen idealen geometrischen Gebilden nur sehr grob entsprechen.
Die Tendenz zur Einfachheit und Einheitlichkeit drückt sich u. a. darin aus, dass wir z. B. einen Baum als 'grün' bezeichnen, obwohl eine exakte Analyse zeigt,
dass ein grosser Teil des Farbspektrums vertreten ist. Oder die Stabilität von Gestalten ersehen wir daraus, dass wir irgendwelche Gebilde fast beliebig wenden oder
gar verformen können, ohne dass sich uns der Gedanke aufdrängt, wir hätten es bei jeder Veränderung mit einer andern Gestalt zu tun. So kann man beispielsweise eine
bekannte Melodie (es gibt eben auch akustische Gestalten) auf alle möglichen Arten 'falsch' singen oder spielen, und trotzdem sprechen wir sie immer noch
als dieselbe Melodie an.


Die Stabilität von Gestalten führt auch dazu, dass sie grundsätzlich transponierbar sind: Man kann sie in andere Situationen verschieben,
in andere Zusammenhänge stellen, so dass sich die Reize unter rein physikalischem Gesichtspunkt vollkommen ändern – und trotzdem werden sie als identische
Gebilde angesprochen. So halten wir z. B. ein Farbbild für dasselbe, auch wenn es seine Farben unter geänderten Lichteinwirkungen insgesamt verändert, und ebenso
bleibt für uns eine Melodie identisch, auch wenn wir sie in verschiedenen Tonlagen hören und sie somit – physikalisch gesehen – etwas völlig anderes geworden ist.